Der Shwesandaw - Weitere info zur ersten großen Stupa Bagans (2)

Die Gründungslegende der Shwesandaw geht folgendermaßen: Von einem Mönch namens Shin Arahan wurde König Anawrahta auf die seltenen Pali-Texte aufmerksam gemacht, die sich in Thaton, in Händen des dortigen Mon-Königs namens Manuha, befanden. Eine Anfrage, ob  diese auf irgendeine Weise erworben werden könnten, blieb unerwidert, manche sagen auch, daß die Antwort grob abschlägig war. Daraufhin stellte der gekränkte Anawrahta eine Armee auf und machte das ferne Thaton, das ungefähr auf der Höhe von Yangon liegt, aber auf der östlichen Seite des Golfs von Martaban, dem Erdboden gleich. Angeblich sollen um die 30.000 Gefangene samt König (dieser in goldenen Ketten) und dessen Familie samt dem ganzen Hofstaat nach Bagan verfrachtet worden sein. Es heißt auch, daß eine größere Anzahl von "weißen" Elefanten (die niemals ganz weiß, dennoch äußerst begehrt waren) mitgenommen wurden. Alles Schriftwerk und alle Kunsthandwerker wurden nordwärts deportiert, ja man kann davon ausgehen, daß Anawrahta  wirklich alles fortgenommen hat, was nur mitzunehmen war, beileibe keine Einzigartigkeit in der weltweiten Geschichte. Manche Forscher vermeinen (und das sicher nicht zu Unrecht), daß es weniger die Heiligkeit der Texte gewesen sei als viel mehr materielle Gier und die Chance für eine bedeutende territoriale Erweiterung. Aber der König dürfte auch einen guten Sinn dafür gehabt haben, was eine kulturelle Qualität darstellt und was im weiteren Verlauf zu größerer Bedeutung und Entwicklung führen könnte.

 Burma Myanmar Bagan Shwesendaw

Und auch ein anderer Grund dürfte für Anawrahtas Entscheidung ausschlaggebend  gewesen sein - nicht bloß der eigene Drang nach Expansion, sondern auch der des Reichs der Khmer, die östlich gleich hinter dem damals schon schwächelnden Herrschaftsgebiet der Mon lagen. Dieses Khmer-Reich war an Stärke rapid im Zunehmen und somit die Gefahr gegeben, daß sie in das Gebiet der Mon invadieren und dann für Bagan eine allzu nahe gerückte Macht darstellen würden. Ja, es wird von manchen sogar behauptet, Anawrahta hätte nicht Thaton sondern Angkor, die Hauptstadt des Khmer-Reichs bezwungen, zumal er das größere, nicht weit von Thaton gelegene Bago - auch zum Mon-Reich gehörig - überhaupt nicht beachtet hat. Eine Eroberung von Angkor würde zwar ein gewisses khmerisches Aussehen einiger Tempelanlagen in Bagan (etwa dem Nagayon oder dem Gubyaukgyi) erklären, ist aber geschichtlich überhaupt nicht zu belegen. Tatsache ist dagegen die Verwandtschaft der Mon mit den Khmer.

Burma Myanmar Shwesendaw Sunset
Ein Bild vom Sonnenuntergang aus sicht des Shwesendaw Tempels

Anawrahta vermochte also mit diesem Feldzug mehrere fette Fliegen zugleich zu erbeuten. Neben reichen materiellen Schätzen und den unzähligen, für große Bauvorhaben unverzichtbaren Sklaven (der Typus "Pagodensklave" sollte in Burma ein fixer Bestandteil der Gesellschaft werden, siehe im Kapitel über die Pagoden) auch eine bedeutende Erweiterung und Sicherung seiner Macht und schließlich eine großartig sich auswirkende Infusion an Kultur. Wie bereits vermerkt hat der Shwesandaw keine begehbaren Räume in seinem Inneren. Er hat aber verschiedene Kammern für Reliquien. Üblicherweise haben Stupas meist nur eine einzige Kammer, in der Shwesandaw wurden aber aus Gründen der Vorsicht mehrere kleinere angelegt. Der Gedanke war, Räuber, die - gleich Maulwürfen - zwecks Plünderung ihre Tunnels in das Bauwerk hineinwühlen, zu verwirren. Strachan beschreibt spannend, wie er durch einen Tunnel, der nicht gemauert, sondern von Räubern durch das mächtige Mauerwerk gebrochen war, ins Innere des Körpers der Shwesandaw gekrochen ist. Meine Frau und ich durften einmal recht Ähnliches erleben, allerdings in einer Grabanlage einer chinesischen Prinzessin der Tang-Zeit, es war aber auch zum Atem-Anhalten, da der finstere Tunnel der - erfolgreichen - Grabräuber so unberührt erhalten war, als wären sie gerade entwichen.

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